Diese Frage stellen sich viele Menschen, und im Alter wiegt sie zunehmend schwerer, weil die noch zur Verfügung stehende Lebenszeit sich stetig verkürzt. Aber grundsätzlich ist es keine Frage des Alters: Ob sie es sich eingestehen oder nicht – die meisten Menschen wollen mehr vom Leben. Sie haben das Gefühl, dass immer irgendetwas fehlt. Und sollte doch einmal alles komplett sein, dann stellt sich das stets nach einer Weile als ein Zustand heraus, den man nicht aufrechterhalten kann.

Nun gleichen sich die Menschen zwar darin, dass sie mehr vom Leben haben wollen, aber jeder versucht es auf unterschiedliche Weise. Man kann drei verschiedene Gruppen erkennen.

1. Die erste Gruppe ist die große Mehrheit. Diese Menschen versuchen, die äußeren Umstände zu verändern und damit ihr Leben zu verbessern. Ein besseres Auto, ein besserer Partner, eine bessere Arbeitsstelle usw. lässt sie auf mehr Sicherheit oder mehr Lebensqualität hoffen.

Ein kleinerer Teil dieser ersten Gruppe möchte ihr Leben verbessern, indem sie die Welt verändern. Ihre Ziele sind weniger egozentrisch als bei dem Rest der Gruppe. Sie engagieren sich zum Beispiel für ihre Stadt, gegen Umweltverschmutzung, für Solidarität mit den Armen, Unterdrückten und Ausgegrenzten, für die Natur, für Tiere, gegen Aufrüstung usw. usf.

Dennoch liegt auch für sie das Heil in der Veränderung anderer Menschen und äußerer Umstände.

2. Die zweite Gruppe ist kleiner. Sie geht davon aus, dass die Veränderung äußerer Umstände weit weniger effektiv ist als wenn man sich selbst verändert. Daher sind sie vornehmlich damit beschäftigt, sich selbst zum Besseren zu verändern. Auch hier gibt es die meisten, die dabei vor allem ihr eigenes Wohl im Auge haben – also ein größeres Sicherheitsgefühl anstreben oder sich im Leben einfach glücklicher und erfüllter zu fühlen. Zu diesem Zweck versuchen sie, ihre eigenen Verhaltens- oder Denkweisen und ihre Persönlichkeitsstruktur zu verändern.

Und einige wenige dieser Gruppe wollen gerne bessere Menschen werden und haben dabei vor allem das Wohl der Allgemeinheit im Blick.

Im Gegensatz zur ersten Gruppe ist der Fokus in dieser zweiten Gruppe also nach Innen gerichtet, in dem Sinne, dass man willens ist, sich selbst zu verändern, damit das Leben besser wird.

3. Die dritte Gruppe ist winzig. Sie hat die ersten beiden Stadien durchlaufen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass weder eine Veränderung äußerer Umstände, noch eine Veränderung der eigenen Persönlichkeit eine nachhaltige Verbesserung bringen wird. Man hat alles probiert und weiß einfach, dass sich das grundlegende Gefühl von Mangel nicht dadurch beheben lässt, dass man dies noch verändert oder das noch verbessert. Erst wird es ein wenig besser sein, dann nicht mehr, und schon fängt man an, nach einer neuen nötigen Verbesserung Ausschau zu halten. Ein endloses Unternehmen also. Man weiß, es wird immer wieder etwas fehlen.

Dass man das weiß, bedeutet jedoch nicht automatisch auch zu wissen, was denn helfen würde, die eigene Lage grundsätzlich zu verändern. Denn man will ja weiterhin mehr vom Leben. Man ist sich bewusst, dass etwas fehlt. Aber man weiß weder, was das sein könnte, noch, wie und wo es zu finden ist.

Die ersten beiden Gruppen meinen, es zu wissen. Neu in dieser dritten Gruppe ist: Man ist sich ziemlich klar darüber, dass man es nicht weiß, man ist ratlos – ein frustrierender Zustand. Aber nur, wenn man hier angelangt ist, wird man bereit sein, die ausgetretenen Pfade der Lebens- oder Selbstverbesserung zu verlassen und etwas anderes zu versuchen.

Diese Essays sind allein für diejenigen da, die zu dieser dritten Gruppe zählen oder auch für einige der zweiten Gruppe, die beginnen, an die Grenzen der Persönlichkeitsveränderung zu stoßen. Denn vom Standpunkt des Advaita Vedanta kann weder der erste noch der zweite Weg eine nachhaltige Verbesserung des Lebens bewirken. Vielmehr verweist das Vedanta auf einen ganz anderen Lösungsansatz.

Was will ich?

Soweit so gut, oder auch nicht gut – aber zunächst sollten wir definieren, was mit dem Wunsch nach „Besser“ eigentlich gemeint ist. Was wünscht sich denn der Mensch? Gäbe es im Laufe des Lebens eine stetige Entwicklung hin zu etwas, was immer noch besser ist als das, was man gerade hat. Wäre man dann zufrieden? Nein, wäre man nicht. Vielleicht wäre man relativ zufrieden, aber nicht absolut, denn es gäbe weiterhin ein „Besser“, das man auf diese oder jene Weise versuchen würde zu erreichen.

Nur wer sich nicht zufrieden gibt mit so einer relativen Zufriedenheit, macht sich auf die Suche und kann in diesen Essays brauchbare Antworten finden. Ich bezeichne ihn als Wahrheitssucher, doch muss auch dieser Begriff klar definiert werden. Wenn es die Wahrheit ist, die ich suche, was bedeutet „Wahrheit“?

Ich möchte aber erst einmal die Frage, die sich dieser Sucher stellt, deutlicher benennen, denn wenn die nicht klar, braucht man gar nicht erst anzufangen, nach Antworten zu suchen, die zu der Frage passen. Die Frage lautet: „Was fehlt mir eigentlich?“ Zunächst einmal muss das Problem richtig analysiert werden. Erst dann kann es die zweite Frage folgen: „Wo kann ich das finden, was ich suche?“

Also: „Was fehlt mir? Was ist es, was ich suche?“

Die spontane Antwort ist: Glück. Ich will endlich glücklich und zufrieden sein und für immer bleiben. – Mit dieser Aussage kann wahrscheinlich jeder etwas anfangen.

Aber Glück ist für jeden etwas anderes. Also muss auch dieser Begriff genau definiert werden. Was ist Glück? Es gibt hier schon einige Essays zum Thema „Glück“1, aber da das Thema unerschöpflich ist, gehen wir noch mal anders dran. Glück bedeutet „Nichts fehlt.“ Jede Glückserfahrung im Leben ist nur deshalb eine Glückserfahrung, weil dieses Gefühl von „Nichts fehlt“ da ist. „Nichts fehlt“ bedeutet „Ich muss nirgendwo mehr hin“, „Es ist alles da.“

Diejenigen, die zur dritten Gruppe gehören, wissen allerdings, dass sich solche Glückserfahrungen nicht halten lassen. Es fehlt über kurz oder lang immer etwas, und man muss stets noch irgendwohin, um das Glück zu finden. Das ist ja das Frustrierende. Die dritte Gruppe ist deshalb auf der Suche nach dem Glück, das bleibt.

Und dabei gibt es dreierlei zu bedenken:

  1. Wenn es ein Glück gibt, das bleibt, dann kann es kein hergestelltes Glück sein, weil alles, was einen Anfang hat, auch ein Ende hat.
  2. Wenn es ein Glück gibt, das bleibt, dann muss es eins sein, was schon da ist – und nur nicht als solches erkannt wird.
  3. Wenn es ein Glück gibt, das bleibt, dann muss es identisch mit mir sein.

Den ersten Punkt können die meisten wahrscheinlich nachvollziehen. Dennoch: Nachvollziehen reicht nicht. Man muss ihn überprüfen. Gibt es Gegenbeispiele?

Der zweite Punkt ergibt sich logisch aus dem ersten: Ein Glück, das bleibt, muss bereits da sein. Warum? Sonst hätte es ja einen Anfang und damit auch ein Ende und würde somit nicht bleiben.

Der dritte Punkt ist vielleicht nicht auf Anhieb zu verstehen. Drehen wir es einmal um: Wenn es zwar ein Glück gäbe, das bleibt, dieses Glück aber von mir verschieden wäre, dann müsste ich es mir erst mal holen und zu eigen machen. Und damit hätten wir wieder einen Anfang und somit auch ein Ende. Das Glück, das bleibt, muss also identisch mit mir sein.

Über diese drei Punkte lohnt es sich, eingehend nachzudenken. Denn nur, wenn man hundertprozentig davon überzeugt ist, dass sie die Kriterien sind, die das Gesuchte kennzeichnen, nur dann werden sie einem helfen, den eigenen Kompass an ihnen auszurichten. Mit allem, was diesen drei Punkten nicht gerecht wird, braucht man sich dann nicht weiter abzugeben, weil es einen ohnehin nicht dorthin führt, wo man hin will.

Dabei ist es immer wichtig, sich darüber klar zu sein, dass man natürlich nicht wirklich irgendwo hin will, weil ja das, was man sucht, identisch mit einem und daher schon da ist.

Die uralte Geschichte vom Meisterdieb, der den gestohlenen Diamanten in der Tasche des Bestohlenen versteckt, illustriert dies: Das, was du suchst, ist bereits bei dir.

Tatsächlich geht es noch weiter: Es ist nicht nur bei dir. Das, was Du suchst, bist du bereits. Du musst es nur entdecken.

Und erst an diesem Punkt kann man sich an die Beantwortung der zweiten Frage machen: Wie entdecke ich es? Wer wirklich ernsthaft an dieser Antwort interessiert ist, der hat jetzt einen Monat lang Zeit, sich über die in diesem Essay angesprochenen Punkte Gedanken zu machen.

 

  1. Glück und Glückseligkeit, 4-2011

    Dankbarkeit, Glück und Glückseligkeit, 12-2013

    Wünsche, 3-2015

    Wünschen dürfen, 4-2015

    Wie geht das mit dem Glück, 9-2015

    Schokolade und das Glück, 7-2017