Viele, die sich in irgendeiner Weise für das Wohl anderer (Menschen, Tiere, Natur u.a.) engagieren, sind mitfühlend. Allerdings ist ihr Mitgefühl immer ein wenig gefärbt von ihren persönlichen Anliegen, und die wiederum beruhen auf Erlebnissen in ihrer eigenen Geschichte. Das macht ihr Mitgefühl nicht weniger authentisch. Die jeweilige Färbung, die es hat, ist lediglich ein Hinweis darauf, dass noch eine Identifikation mit einem persönlichen Ich besteht. Erst mit der Freiheit von dieser Identifikation kann Mitgefühl in reiner Form erstrahlen.

Wie verhält es sich also bei denen, die frei von dieser Identifikation sind? Denen, die sich als Sein-Bewusstsein-Grenzenlosigkeit (sat-chit-ananda/ananta) erkannt haben? Die meisten spirituellen Sucher und/oder Religionen gehen davon aus, dass alle, die am Ende des Weges angelangt sind, stets voller Mitgefühl sind. Manchmal wird Erleuchtung sogar1 mit Liebe gleichgesetzt. Wie kommt das? Und ist es tatsächlich so?

Zum einen ist diese Vorstellung vor unserem christlichen Hintergrund zu verstehen, denn wir kennen einige Heilige, die wir als erleuchtet bezeichnen können, und sie alle zeichnet ein großes Mitgefühl aus – wobei Jesus selbst als Verkörperung von Liebe gilt. Doch im Hinduismus und noch mehr im Buddhismus gibt es dieselbe Vorstellung und wahrscheinlich in vielen anderen Religionen auch.

Sie ist zurückzuführen auf Beobachtung. Die meisten Erleuchteten, die wir kennen, sind tatsächlich voller Liebe und Mitgefühl. Allerdings gilt es hier, zwei Dinge zu beachten. Zum einen ist „die wir kennen“ eine Einschränkung, die man nicht unter den Tisch fallen lassen darf. Und zum zweiten hat Liebe und Mitgefühl unterschiedliche Ausdrucksformen, die wir nicht immer als das erkennen, was sie sind.

Guru

Ich löse mich jetzt aus dem Kontext anderer Religionen und wende mich dem Hinduismus und damit dem Advaita Vedanta zu. Welche Erleuchteten kennt man da? Alle, die wir kennen, sind oder waren Gurus, Lehrer – Menschen, deren Anliegen es ist/war, andere in ihrer spirituellen Entwicklung weiter zu bringen.

Und es ist richtig, dass alle Erleuchteten, die das tun, voller Mitgefühl sind. Schließlich sind sie am Ende des Weges angekommen, ihr Leben ist komplett, vollendet, nichts fehlt mehr. Sie könnten sich also irgendwohin zurückziehen und in dieser Vollendung schwelgen, solange, bis der Tod ihnen auch die letzte Einschränkung nimmt – bestehend aus Körper-Geist – und sie gänzlich frei sind.

Wenn ein Erleuchteter sich statt dessen freiwillig noch einmal mit all den Nöten und Sorgen derer konfrontiert, die ihm vertrauen, dann liegt das allein an seinem Mitgefühl.

Das bedeutet, die Erleuchteten, die unseren Weg kreuzen,  sind genau die, die tatsächlich voller Mitgefühl sind. Aber es gibt auch andere, und manchmal hört man Geschichten von dem einen oder der anderen. Diese Menschen tun genau das, was ich oben beschrieben habe: Sie verweilen in ihrer wahren Natur und überlassen Menschen und Welt ihrem Schicksal. Das bedeutet nicht, dass sie weniger erleuchtet sind als die Gurus. Es bedeutet nur, dass sie eben keine Gurus sind.

Einsiedler und göttlicher Narr

Die einen leben irgendwo fernab vom Getümmel der Welt, unerkannt von anderen, doch selbst in voller Kenntnis dessen, was sie sind. Die anderen fallen ab und zu auf, allerdings nicht, weil sie sich anderen Menschen zuwenden, sondern weil sie sich in den Augen der Welt irgendwie verrückt verhalten. Sie tanzen, sie lachen, sie feiern das Leben, doch ohne irgendwo einzugreifen. Für sie ist das Leben perfekt, so wie es ist, ein wunderbares göttliches Spiel, in das sie sich in seligem Entzücken hineingeben. Ihre Verrücktheit hat nichts Destruktives, sie ist allein geboren aus der bedingungslosen Freude an dem, was ist.

Diesen beiden Letzteren begegnet man selten, einfach, weil sie mit Begegnung nichts am Hut haben. Sie bleiben für sich und gehen mit niemandem je irgendeine Verbindung ein, auch nicht mit anderen Erleuchteten. Doch ebenso wie sie nicht weniger erleuchtet sind als die Gurus, so sind sie auch nicht mehr erleuchtet als diese.

Karma

Wie kommt es zu diesen Unterschieden? Die Unterschiede ergeben sich allein aus dem jeweiligen prarabdha karma, das jeder von Geburt an mit im Gepäck hat. Sobald die höchste Erkenntnis stattfindet, erübrigen sich sanchitta und agami karma. Sie greifen nicht mehr, weil sie an die Ich-Identifikation gekoppelt waren. Aber das prarabdha karma – ich nenne es den karmischen Tagesrucksack für diese Inkarnation – bleibt solange wirksam, wie die Inkarnation dauert. Sollte also jemand erleuchtet werden, dann wird dieses prarabdha karma weiterhin die Form bestimmen, die sein Leben annimmt. 2

Doch das prarabdha karma bestimmt nur die Form seines Lebens, nicht dessen Qualität. Denn egal ob Guru, Einsiedler oder göttlicher Narr, die höchste Erkenntnis ist dieselbe und damit auch die höchste Erfüllung. Das heißt, die Lebensqualität ist optimal, egal, wie das Leben nach der Erleuchtung aussieht.

Der Guru ist nicht Guru, weil er oder sie sonst einen Mangel in seinem Leben verspüren würde, sondern allein, weil sein Leben sich dahin entwickelt hat. Genauso geht es dem Einsiedler oder dem göttlichen Narren. Allerdings scheint es so zu sein, dass jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad von Anfang an auf eine der drei Formen „zugeschnitten“ ist, und sich sein Leben nach der Erleuchtung dementsprechend entfaltet.

Auch gibt es natürlich alle möglichen Zwischentöne und grundsätzlich ist der Guru in seinem Innern genauso losgelöst wie der Einsiedler, genauso verrückt wie der göttliche Narr. Aber eben vor allem in seinem Innern. Und auch der komplett losgelöste Einsiedler wird in bestimmten Situationen voller Liebe und Mitgefühl reagieren, genau so der göttliche Narr. Aber eben nur in bestimmten Situationen. Die generelle Ausdrucksweise gehört immer zu einer der drei Formen.

Reines Mitgefühl

Nun hatte ich anfangs gesagt, dass allein das Mitgefühl derer, die die höchste Erkenntnis haben, als reines Mitgefühl bezeichnet werden kann. Warum?

Dem Begrenzten fehlt immer etwas, da es nie das Ganze ist, sondern immer nur ein Teil. Wer also mit einem von allem anderen getrennten, und daher begrenzten, Ich identifiziert ist, der hat stets ein Mangelgefühl, mag es noch so subtil sein. Alle anderen Gefühle, sind von diesem Mangelgefühl beeinflusst. Positive, lebensbejahende Gefühle werden durch den erlebten Mangel eingeschränkt (Liebe, Freude, Dankbarkeit usw.). Und negative, lebensverneinende Gefühle, werden verstärkt (Angst, Wut, Hass usw.).

Mangel plus Mitgefühl ergibt daher ein eingeschränktes Mitgefühl. Wer jedoch die höchste Erkenntnis hat, erlebt keinen Mangel, d.h. sein Mitgefühl ist uneingeschränkt. Er/sie weiß um sich als Grenzenlosigkeit, d.h. auch sein Mitgefühl ist grenzenlos.

Vorstellungen über Liebe und Mitgefühl

Und damit sind wir bei den Vorstellungen über reine Liebe und reines Mitgefühl angelangt. Diese sind in höchstem Grade kultur- und kontextabhängig. Jeder hat seine eigene Idee, wie reine Liebe und reines Mitgefühl aussehen müsste. Einige kennen vielleicht das schöne Beispiel aus der Bibel von Jesus, der – scheinbar wutentbrannt und ohne Rücksicht auf Verluste – die Händler aus dem Tempel verjagt –– derselbe Jesus, der für tiefstes Mitgefühl steht, so tief, dass er sich (aus christlicher Sicht) für die gesamte Menschheit ans Kreuz nageln und töten ließ.

Mitgefühl kann also viele Gesichter haben, und ganz besonders das reine grenzenlose Mitgefühl zeigt sich manchmal in Formen, die die üblichen Erwartungen darüber, wie es auszusehen hat, aus den Angeln heben. So  gilt der Erleuchtete im indischen Kulturkreis stets als Verkörperung von Mitgefühl, egal, in welcher Form sein Mitgefühl sich zeigt oder ob es sich überhaupt zeigt. Was zählt ist: Sein Leben ist zur Blüte gekommen. Diese Tatsache ist genug. Denn die Wahrheitssucher sind auf dieser Welt immer in der Minderzahl. Sie können Unterstützung und Bestätigung gut gebrauchen. Und nur einer, der bezeugen kann, dass Moksha wirklich und wahrhaftig möglich ist, wird die, die noch auf der Suche danach sind, mit Vertrauen und Zuversicht erfüllen – er/sie beglückt somit durch seine bloße Gegenwart.

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  1. Ich benutze in diesen Essays das Wort Erleuchtete/r und Erleuchtung, auch wenn beides äußerst vage ist und in vielfacher Weise vorbelastet. Sanskrit-Bezeichnungen, die eindeutiger sind (zummindest für uns), sind jedoch den meisten nicht vertraut: jnani, jivanmukta für die Erleuchteten oder moksha, mukti für Erleuchtung.
  2. Wem diese Begriffe nicht geläufig sind, findet sie im Karma-Essay erklärt.