In der Vorstellungswelt der meisten spirituellen Sucher gibt es ein so genanntes Ego. Allerdings bleibt das, was sie genau unter „Ego“ verstehen, vage. Oftmals haben sie nur eine unbestimmte Idee im Kopf, die von „Selbstsucht und Lieblosigkeit“, über „Emotionalität und Unreife“ bis hin zu „Arroganz und Hochmut“ reicht. Auch wenn all dies mit dem Ego einhergehen kann, ist es im Sinne des Advaita Vedanta nicht das Ego an sich, sondern nur dessen mögliche Begleiterscheinungen.
Was ist dann aber das Ego? Wie definiert es das Advaita Vedanta? Das Ego ist genau das, was seine lateinische Bedeutung besagt: das Ich – will sagen: unser ganz normales Ich mit dem wir durchs Leben gehen. Beim Ego handelt es sich also nicht um einen kleinen Bösewicht, der sich irgendwo in unserem Mind verbirgt, sondern zunächst einmal um genau das, was 99,9 % aller Menschen auf der Welt meinen, wenn sie das Wort „ich“ benutzen.1 Die einzelnen Ichs mögen sich unterschiedlich ausdrücken, doch allen gemein ist, dass jedes Ich sich von den anderen Ichs und von überhaupt allem anderen auf der Welt unterscheidet.
Das Ich und das Selbst
Ein weiterer Begriff, der vom Wahrheitssucher verwendet wird, ist das „Selbst“. Auch dieses Selbst ist selten klar definiert. Im Allgemeinen gilt es nur als irgendwie „besser und wahrer“ als das Ich. Im Advaita Vedanta, wo es für alles eindeutige Definitionen und Begriffe gibt, unterscheidet man Ahankara, das „normale“ Ich (der erwähnten 99,9 %), von Atman.
Ich stelle normalerweise dem Begriff „Ich“ das Wort „getrennt“ voran und dem Begriff „Selbst“ das Wort „wahr“. So stehen sich „das getrennte Ich“ (ahankara) und „das wahre Selbst“ (atma) gegenüber. Sie schließen sich erst einmal aus, denn wer sich für getrennt von irgendetwas hält, kennt sein wahres Selbst nicht, das ungetrennt von allem ist, advaita = Nicht-Zwei.
Zwar sind 100 % aller Menschen Atman, das wahre Selbst, doch allerhöchstens 0,1 % von ihnen haben das erkannt.
| gebräuchliches Wort | Bedeutung (deutsch) | Bedeutung (sanskrit) | Mein Begriff (deutsch) |
| Ego | Ich | Ahankara | Separates Ich |
| Selbst | Wahres Ich | Atma oder Atman | Wahres Selbst |
Der Irrtum
Die Vorstellung von Getrenntheit, die das Ego ausmacht, ist ein Irrtum. Dieser Irrtum beruht auf Unwissenheit. Wir wissen nicht, wer wir wirklich sind, also schließen wir uns der Mehrheitsmeinung an und halten uns für ein von allem getrenntes Ich.
Ich greife hier noch einmal auf mein allererstes Essay vom November 2010 zurück, in dem ich beschrieben habe, wie jeder Mensch eigentlich nach Frieden strebt. Doch niemand, der sich für ein von etwas anderem getrenntes Wesen hält, hat eine Chance auf Frieden – da er sich tendenziell ständig unter Selbstbehauptungsdruck befindet. Er muss seinen Platz verteidigen und ihn kontinuierlich ausbauen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Er muss sich unentwegt gegen „das Andere“ abgrenzen oder sich vor ihm schützen – ob es dabei um Lebewesen, Naturgewalten, Umweltgifte oder was auch immer geht. Der Irrtum des abgetrennten Ichs erzeugt Unfrieden und Leid.
Wir können also von Glück sagen, dass es sich beim getrennten Ich bloß um einen Irrtum handelt, der sich beheben lässt. Allerdings muss man erst einmal darauf kommen, dass ein Irrtum vorliegt. Denn 99,9 % aller Menschen sind sich einig, wenn es um ihre Identität als getrennte Wesen geht.
Unwissenheit oder Unvollständigkeit
Die meisten Leser dieser Essays befinden sich sozusagen zwischen den 99,9 % und jenen 0,1 %, die das Getrenntsein als Illusion erkannt haben. Zwar leben diese Sucher noch im Unfrieden, aber sie haben die Botschaft schon vernommen, dass man sich damit nicht abfinden muss. Dennoch wissen sie oft nicht, wie man sich ganz und gar aus der großen Herde der Getrenntheitsgläubigen löst.
Das liegt daran, dass sie selten in der Lage sind, klar zu unterscheiden zwischen ihrer Unwissenheit und der gefühlten Unvollständigkeit (wer nicht weiß, wovon ich spreche, bitte unbedingt hier nachlesen: Warum sollte ich mir die Frage stellen, wer oder was ich bin? Denn ohne diese Unterscheidung wird der grundlegende Irrtum niemals überwunden werden.
Warum nicht? Wer in seinem Leben ein Gefühl des Mangels (= Unvollständigkeit) erlebt, macht sich auf die Suche nach dem Fehlenden. Er hat Hunger und sucht sich etwas zu Essen. Er vermisst jemanden und fährt hin, um ihn zu treffen, usw. Er sucht also nach Erfahrungen, die das Gefühl des Mangels aus der Welt schaffen und ihm ein Gefühl der Vollständigkeit oder Fülle geben.
Aber diese von ihm herbeigeführte Vollständigkeit wird wieder vergehen.
Warum ist das so sicher? Weil jedes Gefühl von Mangel letztlich auf der Vorstellung eines getrennten Ichs beruht. Und solange diese Vorstellung existiert, wird sich der Mangel immer wieder bemerkbar machen. Erst wenn der Irrtum behoben ist, ist auch das Gefühl von Unvollständigkeit behoben: Wer sich ungetrennt weiß, ist immer und ewig vollständig – selbst, wenn er weiterhin Hunger hat und ihn dann stillen möchte. Der springende Punkt ist: Nur wer seinen gefühlten Mangel als Unwissenheit entlarvt hat, hat den grundlegenden Irrtum überwunden, und damit das Gefühl der Unvollständigkeit.
Hat das Ego nicht auch gute Seiten?
Das, was den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet, ist sein Ich-Gefühl. Dieses grundlegende Ich-Gefühl ist noch kein voll etabliertes separates Ich, wird sich aber im Laufe des Lebens dazu entwickeln. Ein separates Ich ermöglicht dem Menschen zu handeln und, zum Beispiel, seinen Glauben an eine getrennte Ich-Existenz zu überprüfen. Daher ist es im Laufe der menschlichen Entwicklung sehr wichtig, dass sich das Ego herausbildet. Ein Mensch muss seine Identität als getrenntes Ich erst einmal etablieren, bevor er sie hinterfragen kann. Das klingt absurd, aber so ist es nun einmal. Wer im Stadium des noch weitgehend unabgegrenzten Säuglings verbleibt, kann sich auch spirituell nicht entwickeln.
Die meisten Menschen stellen eine Mischung dar aus starkem, mittlerem und mangelhaftem Ego. Sie haben entweder eine zu starke Überzeugung, ein getrenntes Ich zu sein oder eine mittlere oder eine zu schwache. Ist diese Überzeugung/das Ego in einem Lebensbereich zu stark, kommt es zu den eingangs erwähnten Begleiterscheinungen von Selbstsucht, emotionalen Verwicklungen, Arroganz u.ä. Ist das Ego in einem Lebensbereich zu wenig oder gar nicht etabliert, ist man unfähig, sich abzugrenzen und wird zum bloßen Spielball der jeweilig herrschenden Begleitumstände. Beides behindert die spirituelle Entwicklung.
Da beide Extreme auch Wohlbefinden und Erfolg beeinträchtigen, wird jeder normale Mensch instinktiv daran arbeiten, mehr in seine Mitte zu kommen. Denn mit einer Ich-Identifikation, die in keinem Lebensbereich zu stark ist, noch zu schwach oder ganz fehlt, geht es einem generell besser. Und falls man dann den Wunsch nach der Erkenntnis des wahren Selbst entwickelt, hat man gute Chancen, sie zu erlangen.
Fazit: Das Ego ist weder gut noch schlecht – es ist eine Notwendigkeit. Doch der mit dem Ego einhergehende Irrtum ist schlecht, aus den oben genannten Gründen (wer vergessen hat, welche das sind, bitte noch mal nachlesen). Für den Wahrheitssucher geht es darum, diesen Irrtum als Irrtum zu entlarven.
Hiermit ist das vielschichtige Thema Ego-Ich-Selbst noch nicht ausgeschöpft. Es fehlt zum Beispiel die Frage, ob das Ego ausgemerzt werden muss, ob ein starkes Ego stark macht, wo im Körper-Geist-System das Ego eigentlich angesiedelt ist und ob durch die Überwindung der Getrenntheitsidee die Lebenstüchtigkeit leidet. Ich freue mich über Eure Gedanken, Anregungen, Fragen oder Einwände als Grundlage für ein zweites Essay.
editiert 21.01.26
Fußnoten:
- Ein Tipp: Wer in seinen spirituellen Büchern das Wort, „Ego“ einfach einmal durch das simple Wort „Ich“ ersetzt, versteht ihre Aussagen meistens bereits auf einer viel tieferen Ebene – jedenfalls dann, wenn der jeweilige Autor nicht ebenfalls dem Irrtum vom Ego als Schurkeninstanz unterliegt. Zumindest kann man bei den meisten indischen Lehrern davon ausgehen, dass sie mit dem Wort Ego nichts weiter meinen als das Ich.