Svadharma ist das eigene Dharma, also das, was genau dir entspricht. Jeder hat ein anderes Svadharma im Leben. D.h. Jeder hat andere Aufgaben zu erfüllen und hat natürlicherweise eine andere Ausrüstung, um sie erfüllen zu können – einen anderen Körper, einen anderen Mind, andere Begabungen oder Einschränkungen, eine andere Geschichte usw. Das gilt für alle Lebewesen. Ein Eichhörnchen erfüllt eine andere Aufgabe als ein Rosenstrauch, ein Fisch eine andere als ein Mensch, ein Grashalm eine andere als eine Biene. Während Tiere und Pflanzen ihr Svadharma instinktiv erfüllen, haben Menschen die Wahl. Und das macht die Sache kompliziert.

In der Vergangenheit wurde die Komplikation dadurch abgefangen, dass das eigene Svadharma bereits mit der Geburt in eine bestimmte Bevölkerungsgruppe (varna) feststand, und weiterhin bestimmt wurde durch die Lebensphase, die man gerade durchlief (ashrama, siehe Essay). Doch weder varna noch ashrama werden uns heute noch verbindliche Anhaltspunkte für unsere Lebensgestaltung geben. Wir sind relativ frei zu wählen – was aber auch bedeutet, dass wir hier und heute selbst dafür verantwortlich sind, unser Svadharma zu bestimmen.

Thema des letzten Essays war Dharma als moralischer Wert, als Richtschnur für die Haltung, mit der man durchs Leben gehen sollte. Und die meisten sind mit der Maxime „Dharma bedeutet: Ich schaue auf jeden so, wie ich mir wünsche, dass er/sie auf mich schaut, und ich schaue auf niemanden so, wie auch ich nicht betrachtet werden möchte“ weitgehend einverstanden – jedenfalls theoretisch. Die Umsetzung ist vielleicht noch eine andere Sache, aber erst einmal ist man offen dafür, es mit dieser Richtschnur zu versuchen.

Doch diese Richtschnur gilt für alle und alles, aber mein Svadharma ist individuell. Es ist meine persönliche Richtschnur. Das Svadharma anderer mag ähnlich sein, aber es könnte evtl. auch ganz anders aussehen. Bevor wir zur genaueren Bestimmung des eigenen Svadharmas kommen, drei Punkte vorweg:

  1. Das eigene Svadharma beruht auf den eigenen Eigenschaften. Da Menschen sich verändern und entwickeln können, ist das eigene Svadharma nicht festgelegt.
  2. Das eigene Svadharma ist nichts, was man sich selbst aussucht, sondern etwas, das einem natürlicherweise entspricht. Man kann es nur entdecken. In diesem Essay geht es um die Frage: Wie erkenne ich, was mir natürlicherweise entspricht?
  3. Wichtig zu beachten ist außerdem, dass das eigene Svadharma stets zum Wohl des großen Ganzen eingesetzt wird. Es ist nicht dafür da, einem selbst Befriedigung zu verschaffen – obwohl es dies tun wird, da es einem ja natürlicherweise entspricht.

Varnas und Gunas

Die Varna-Unterteilung ist ein nützliches Schema, anhand dessen man recht gut bestimmen kann, welches Svadharma einem aufgrund der eigenen Eigenschaften entspricht. Wer in der Lage ist, sich selbst einzuschätzen, der kann sich auch einem Varna zuordnen. Denn jedes Varna geht einher mit einer bestimmten Eigenschaftenmischung. Diese wird mit Hilfe der Gunas beschrieben. Ich setze die Kenntnis der Gunas im Folgenden voraus.

In diesem Essay 7 – 2014 steht alles über die Gunas, was ihr braucht.

Wie jeder aus eigener Erfahrung weiß, verändern sich Eigenschaften ständig. Das bedeutet, im Laufe des Lebens können in unterschiedlichen Phasen jeweils andere Gunas dominieren. Dennoch gibt es bei jedem eine Grundtendenz, die sich nur sehr langsam verändert, vielleicht sogar überhaupt nicht. Aber wenn sie sich verändert, verändert sich auch das einem entsprechende Svadharma.

Hier eine grobe Darstellung der vier Varnas. Dabei wird zur Veranschaulichung auch die herkömmliche berufliche Zuordnung erwähnt, obwohl diese für den Wahrheitssucher keine Relevanz hat. Denn egal, was er/sie beruflich macht, die Wahrheit kann er/sie immer suchen und finden:

  1. Wer wenig Eigeninitiative entwickelt, ungern Entscheidungen fällt und Verantwortung lieber anderen überlässt, wer zudem gewohnte Denk- und Verhaltensmuster nur widerwillig in Frage stellt, der ist dominiert von Tamoguna­ – gefolgt von Rajoguna. Sattvaguna ist hier am wenigsten ausgeprägt. Wer so gestrickt ist, kann beim Gewohnten und Einfachen bleiben. Das ist sein Svadharma. Beruflich dient er der Gesellschaft als Dienstleistender.
  2. Bei denen, die dynamisch und aktiv, selbstständig und initiativ sind und sich kraftvoll einsetzen, um sich und ihre Lieben gut versorgt zu wissen, dominiert Rajoguna – gefolgt von Tamoguna. Auch hier ist Sattvaguna wenig ausgeprägt. Ihr berufliches Svadharma ist es, zum Wohl der Gesellschaft dadurch beizutragen, dass sie wirtschaftlich für Mehrwert sorgen.
  3. Diejenigen, deren Blick sich über die eigenen Anliegen erhoben hat, und die sich dynamisch und aktiv engagieren wollen, damit das große Ganze gut läuft, haben ebenfalls vorrangig Rajoguna, allerdings gefolgt von Sattvaguna. Hier ist Tamoguna am wenigsten ausgeprägt. Ihr berufliches Svadharma ist es, sich in der öffentlichen Verwaltung oder in gemeinnützigen Institutionen zu engagieren.
  4. Und die, die geistig orientiert sind, ein einfaches zurückgezogenes Leben vorziehen und interessiert sind am Lernen und Lehren, haben vorrangig Sattvaguna – gefolgt von Rajoguna. Auch hier ist Tamoguna am wenigsten ausgeprägt. Ihr berufliches Svadharma ist es, zu forschen und zu lehren. In der vedischen Kultur war jegliches Lernen und Lehren stets ins Religiös/Spirituelle eingebettet.

Die Kenntnis der Varnas kann dem Wahrheitssucher helfen herauszufinden, welche Art von Spiritualität ihm entspricht – zum Beispiel auch, ob Vedanta der richtige Weg für einen ist oder ob man besser einen anderen einschlagen sollte.

Karmayoga oder Jnanayoga

Dazu muss man sich noch einmal vergegenwärtigen, dass es in nahezu allen Religionen der Welt darum geht, ein möglichst dharmischer Mensch zu werden – im Sinne von purushartha dharma, wovon im letzten Essay die Rede war. Das erklärte Ziel fast aller Religionen ist es, dass die Menschen die Maxime „Ich behandle andere so, wie auch ich behandelt werden möchte“ verinnerlichen.

Dies ist nicht das Ziel des Vedanta.

Nein?!

Nein.

Es ist die Voraussetzung für das Vedanta. Denn nur wer dharma purushartha verinnerlicht hat, wird den vollen Gewinn aus dem Vedanta ziehen.

Was hat das nun mit den Varnas zu tun? Die ersten beiden Gruppen sind noch auf dem Weg, dharma purushartha als Ziel zu entwickeln. Sie sind deshalb in den Religionen, deren höchstes Ziel dharma purushartha ist, sehr gut aufgehoben. In dem Prozess hin zu mehr dharma purushartha erfüllen sie ihr Svadharma und dienen damit der Gesellschaft. Beide Gruppen verrichten gesellschaftlich äußerst wichtige Aufgaben. Doch was ihre persönliche und spirituelle Entwicklung angeht, gibt es Luft nach oben. Schließlich schwächelt bei ihnen das Sattvaguna, und dieses gilt als die Eigenschaft, die dem Menschen ermöglicht, sein höchstes Potential auszuschöpfen.

Bei der dritten Gruppe steht Sattvaguna immerhin an Stelle 2, d.h. dharma purushartha ist sehr gut etabliert. Wer zu dieser Gruppe gehört, ist ethisch motiviert, er hat hohe Ideale und ist vielleicht religiös oder spirituell orientiert. Er will die Welt zu einem besseren Ort machen. Er will sich politisch oder sozial engagieren. Er will die Umwelt und die Tiere schützen. Kurz gesagt: Er will dies verhindern, das in die Wege leiten, hier wirken, da helfen – immer mit dem Blick auf das große Ganze. Möglicherweise will er auch lehren, dann jedoch im Sinne von belehren; er will aufklären und den Horizont der Menschen erweitern, damit sie dharmischer werden. In dem Sinne ist er ein dharmischer Krieger. Sein Sattvaguna schenkt ihm hehre Ziele, für die er sich mit seinem dominanten Rajoguna leidenschaftlich stark macht. Wer zu dieser Gruppe gehört, ist ein Karma yogi, ein Handlungsyogi.

Ein Wahrheitssucher im Sinne des Vedanta gehört zur vierten Gruppe. Sein vorrangiges Guna ist Sattvaguna, denn erst mit Sattvaguna wird die Frage „Wer bin ich wirklich?“ relevant. Sein Rajoguna verleiht ihm Energie und Leidenschaft, aber sie fließt weniger ins Handeln, mehr ins Wissenwollen. Sein Svadharma ist: Ich will die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ich will wissen, wer ich in Wahrheit bin, was die Welt in Wahrheit ist, und was ist Gott? Ich will in diesem Leben ganz und gar ankommen, egal, was das bedeutet. Und nachdem ich die Wahrheit erkannt habe, will ich verstehen, wie die Methodologie funktioniert, die es mir ermöglicht hat. Das heißt, ich will die Wahrheit in allen Dimensionen ausloten. Warum? Weil es für so einen Wahrheitssucher nichts Wertvolleres gibt, als die Erkenntnis der Wahrheit. Und da er dharma purushartha verinnerlicht hat, will er nach dem Erlangen der Erkenntnis dies auch anderen ermöglichen, wenn sie sich dafür interessieren. So jemanden nennt man einen Jnana yogi, einen Erkenntnis Yogi. (Aussprache: Njana Yogi oder ñana yogi).

Der Jnana yogi hilft, wo er kann, aber er lässt die Welt sein, wie sie ist. Nicht, dass er Missstände verkennt, nicht, dass er Missstände ignoriert, nicht, dass er Missstände gutheißt. Er mag manchmal großen Schmerz über das Leid der Welt verspüren, aber er weiß, es ist nicht sein Svadharma, die Menschen und die Welt zu verbessern. Er weiß, es gibt engagierte, intelligente, dynamische Karma yogis, deren Svadharma es ist. Und er überlässt es ihnen.

Das Svadharma des Jnana Yogis dagegen ist es, sich um seine spirituelle Weiterentwicklung zu kümmern, und das heißt, sich als das Eine und Einzige, das es gibt, zu erkennen. Und später diejenigen, die sich an ihn wenden und die nötigen Qualifikationen haben, bei ihrer Erkenntnisfindung zu unterstützen. 1

Keine der anderen Gruppen wird diesem Svadharma viel abgewinnen können, und das müssen sie auch nicht. Es ist nicht das Ihre, und es ist vollkommen in der Varna-Ordnung, dass jeder sein eigenes Svadharma erfüllt. In jeder Gesellschaft werden alle gleichermaßen gebraucht. In dieser Hinsicht ist keine der vier Gruppen wertvoller als die anderen. Doch bezogen auf seine persönliche, und spirituelle Weiterentwicklung sollte sich der Mensch von der ersten zur zweiten Gruppe, von der zweiten zur dritten und von der dritten zur vierten weiterentwickeln. Daher gibt es Übergangsstadien. So kann es passieren, dass ein Karma Yogi irgendwann doch anfängt, sich für die Wahrheitssuche zu interessieren.

Dein Svadharma

Kommen wir zurück zu dir als spirituellem Sucher. Du wirst dich entweder in der dritten oder in der vierten Gruppe wiederfinden, entweder als Karma Yogi oder als Jnana Yogi erkennen. Beides ist wunderbar. Ein Problem entsteht nur, wenn du sagst: Ich kann mich nicht entscheiden. Ich will beides.

Denn damit du dein Svadharma wirklich erfüllen kannst, brauchst du ein eindeutiges Bekenntnis dazu. Dann wird es auch dich wirklich erfüllen.

Lies dir noch einmal genau durch, wie ein Karma Yogi und wie ein Jnana Yogi beschrieben wird und achte darauf, bei welcher Beschreibung dir das Herz aufgeht, bei welcher Beschreibung du dich befriedet fühlst. Und dann stelle dich innerlich ganz auf die Seite deines Svadharmas. Du musst nicht wissen, wie du es umsetzen kannst. Das Leben selbst, Ishvara, wird dir den Weg ebnen, um dein Svadharma in genau dem Tempo und auf genau die Weise zu erfüllen, die zu dir und zu deinem Leben passt.

Fußnote:

  1. Ein weiterer Gesichtspunkt zum Thema Lehren wird in diesem Essay beschrieben: 2-2019.