Je länger ich mich mit dem Advaita Vedanta beschäftige, desto tiefer wird die Wertschätzung, die ich der vedischen Kultur Indiens entgegenbringe. Dabei bin ich überhaupt nicht der Typ, dem die Affinität zu dieser Kultur in die Wiege gelegt wurde – wie zum Beispiel einigen meiner Schüler1. Aber nachdem die Wertschätzung sich 2003 zum ersten Mal in mir bemerkbar gemacht hat, ist sie stetig gewachsen. Was ebenfalls stetig gewachsen ist, ist das Verständnis für diese Kultur, die mir damals noch völlig fremd war, obwohl ich schon sehr viel Zeit in Indien verbracht hatte. Logischerweise ist es unmöglich, sie wertzuschätzen, wenn man sie nicht wirklich versteht. Andererseits ist es unmöglich, diese Kultur zu verstehen, wenn man ihr nicht offen und mit der Bereitschaft zur Wertschätzung begegnet.

Die Ursprünge der vedischen Kultur sind so alt wie das Universum. Daher finden wir Teile von ihr auch in vielen anderen Kulturen. Diese Teilaspekte sind jedoch nur Anteile von etwas, das erst als Ganzes wirklich Sinn ergibt und seinen Sinn erfüllt.  Da es sich bei diesem Gesamtpaket um ein alles umfassendes und sehr komplexes System handelt, fordert es dem, der nicht hineingeboren wurde, einiges ab, wenn er es sozusagen von innen her erfassen will. Aber mit der richtigen Anleitung und natürlich Motivation stellt es sich als etwas heraus, das einen nach und nach in einen Raum relativer Zeitlosigkeit transportiert. Was das sein soll, wird hoffentlich durch das Lesen dieses Essays ein wenig klarer werden.

Veda

Heute möchte ich also auf die Ursprünge und den größeren Zusammenhang eingehen, in den das Advaita Vedanta eingebettet ist. Fangen wir einfach ganz am Anfang an, beim Veda. Was ist das?

Wer ein wenig mit der indischen Welt vertraut ist, hat zumindest schon einmal davon gehört, dass die Veden Schriften sind, die im Hinduismus eine wichtige Rolle spielen. Welche Rolle das ist und um was für Schriften es sich handelt, ist den meisten jedoch nicht bekannt.

Aber wenn man ein bisschen recherchiert, findet man viele Informationen, zum Beispiel, dass es vier Veden gibt, dass es sich dabei um ein außerordentlich umfangreiches Werk handelt mit über 25.000 Versen, und dass die vedischen Texte vor 5000 bis 6000 Jahren zu entstehen begannen, vielleicht aber auch sehr viel älter sind. Aufgrund astronomischer Angaben in den Texten kann man heutzutage ziemlich genau bestimmen, welche Zeitperioden beschrieben werden. Das älteste aufgrund solcher Berechnungen ermittelte Jahrtausend ist 23.000 vor Christi Geburt.

All dies ist interessant, doch mir geht es hier um den Inhalt der Veden (Shruti) und der von ihnen abgeleiteten Schriften (Shastra).

Veda heißt „Wissen“, und gemäß der Mythologie ist dieses Wissen zusammen mit der Entstehung dieses Universums ins Dasein getreten. Die Rishis, Weise mit einem außerordentlich verfeinerten Mind, waren in der Lage, dieses Wissen zu empfangen und haben begonnen, es zu verbreiten. So stand es den Menschen von Anbeginn dieser Schöpfungsperiode zur Verfügung. Man kann es mit einer detaillierten Gebrauchsanweisung vergleichen, die dem Menschen ermöglichen soll, sich im Universum zurechtzufinden, zu wachsen und zu reifen und am Ende dieses Reifeprozesses die höchste Erkenntnis zu erlangen. 

Alles, was im Veda gesagt wird, dient letztlich diesem Ziel. Allerdings denkt man dabei in astronomischen Zeiträumen, und nur unendlich viele Reinkarnationen machen es möglich, den ganzen Entwicklungsweg hin zu diesem Ziel zu gehen. 2

Jedes der vier Veden besteht zum einen aus einem großen ersten Teil, in dem es um auszuführende Handlungen geht. Diese Handlungsanweisungen dienen der Weiterentwicklung der Lebewesen von instinktgesteuert, über materialistisch, über selbstbezogen bis zu ethisch ausgerichtet. Erst wenn man an diesem Punkt angelangt ist und merkt, dass man zwar ein guter Mensch ist, aber immer noch etwas fehlt, erst dann wird man dem letzten Teil der Veden Beachtung schenken wollen. Im Verhältnis zum ersten Teil ist dieser relativ klein. Und inhaltlich geht es in ihm nicht mehr um Handlungsanweisungen und persönliche Weiterentwicklung, sondern um Selbsterkenntnis. Erst jetzt macht es Sinn, sich die Frage „Wer oder was bin ich eigentlich?“ zu stellen und ihr nachzugehen. Dieser letzte Teil nennt sich Vedanta.

Vedanta

Tatsächlich ist es höchste Zeit, dass auf dieser Webseite etwas zu den Schriften erscheint, denn schließlich ist das traditionelle Advaita Vedanta ohne seine heiligen Schriften nicht denkbar. Die Bedeutung dieser Schriften zeigt sich bereits daran, dass Vedanta sowohl der Name der Lehre oder Philosophie ist, als auch der Name der Schriften selbst.

Das Vedanta erlangt seine Bedeutung durch ein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt einfach auf der Welt keine vergleichbaren heiligen Schriften, in denen es so gezielt und ausschließlich um das Erkennen des wahren Selbst geht. Überall sonst geht es um die Welt der Objekte, wie man mit ihr zurechtkommt oder welche Regeln man zu befolgen hat, damit es gelingt. Allein das Vedanta hat den Fokus auf dem Subjekt, indem es das Thema „Wer bin ich?“ behandelt.

Dualistisch, Quasi-dualistisch, Nicht-dualistisch

Das Advaita Vedanta betrachtet sich selbst als die höchste Ausdrucksform des Hinduismus, die dessen religiöse Aspekte (Rituale, Ethik, das Gesetz des Karmas, Reinkarnation, Götterverehrung, Schöpfungstheorien u.ä.) aufnimmt, weiterführt und transzendiert, ohne sie gänzlich aufzugeben.

Wie die meisten Religionen der Welt, sind auch die meisten zum Hinduismus zählenden Richtungen eher dualistisch ausgerichtet. Dualistisch bedeutet: Es gibt das Leblose, die Lebewesen und das göttliche Prinzip, das all dies erschaffen hat. Schöpfer und Geschöpftes sind und bleiben stets voneinander getrennt. Veranschaulichung: Der Bäcker und das Brot oder der Tischler und der Tisch. Das nennt sich Dvaita.

Vornehmlich ist im Hinduismus jedoch eine abgemilderte Form des Dualismus verbreitet, in der sowohl Lebewesen als auch das Leblose Teil des göttlichen Prinzips sind. Dieses ist zwar übergeordnet, aber nicht komplett getrennt von den Teilen. Das nennt sich Visisht-Adavaita, auf Deutsch könnte man Quasi-Dualismus sagen. Veranschaulichung: Das Feuer und die Funken.

Das Advaita Vedanta akzeptiert beides, das Dvaita und das Vishisht-Advaita als relative Wahrheit, die den Sucher so lange begleitet bis er bereit ist für die absolute Wahrheit der Nicht-Dualität. Das bedeutet dann: Es gibt nur eine Wirklichkeit, und alles – sowohl Lebloses, wie Lebewesen, wie das göttliche Prinzip – erscheint als bloße Ausdrucksform dieser einen Wirklichkeit.  Ihrer wahren Natur nach sind all die vielen Ausdrucksformen nichts als diese eine Wirklichkeit selbst. Für sich genommen haben sie keine Realität.

Und hier die Veranschaulichung fürs Advaita Vedanta: Das Wirkliche ist dabei unberührt von dem, was erscheint, ganz so, wie der, der nach dem Aufwachen die Inhalte seines Traums als unwirklich erkennt, und  ihnen keine weitere Bedeutung beimisst. Er weiß, der Traum hat für sich genommen keine Realität. Er ist zwar dem Mind des Träumenden entsprungen, aber weder hat dieser irgendetwas getan, damit das passiert, noch wäre der Traum ohne ihn, den Träumenden, überhaupt entstanden.

Hierzu könnte man noch sehr sehr viel schreiben, denn natürlich muss diese These logisch weiter untermauert werden, und der gesamte Advaita Vedanta-Weg ist allein dazu da, dies zu tun. Doch woher haben wir die These? Sie ist ja nicht gerade naheliegend; allein aufgrund logischer Überlegungen wäre sie niemandem eingefallen.

Und damit sind wir wieder beim Thema dieses Essays angelangt. Ohne den letzten Teil der Veden, dem Vedanta, wäre einfach niemand darauf gekommen, dass die Vielfalt, die wir hier vorfinden, eine einzige Wirklichkeit sein soll. Die Vedanta-Schriften sind also fürs Vedanta essentiell.

Tatsächlich werden die Denkgewohnheiten, die auf Unwissenheit beruhen und sich in vielen vielen Inkarnationen etabliert haben, zunächst einmal dafür sorgen, auch den letzten Teil der Veden dualistisch oder quasi-dualistisch zu interpretieren. Doch wenn man sich eingehend damit beschäftigt, hat man immerhin die Chance, die hier dargelegte höchst außergewöhnliche These 3 zu entdecken. Wer sie entdeckt, ihr Bedeutung beimisst und ihren Wahrheitsgehalt in vollem Umfang erkennen will, ist bereit fürs Advaita Vedanta.

Schlüssel zum Veda

Allerdings bringt es einem wenig, wenn man sich auf eigene Faust mit den Veden (inklusive dem Vedanta) auseinandersetzt. Die gesamten Veden wurden Äonen vor der Erfindung der Druckkunst von den Rishis empfangen und sind daher lange lange ausschließlich mündlich weitergegeben worden. Einige wenige haben sie auswendig gelernt4 und noch weniger haben sie studiert und ihren Inhalt verstanden. Dieses Verständnis zu erlangen, war auch deshalb schwierig, weil die Mantren (Verse) so angelegt sind, dass sie so viel Information wie möglich in so wenig Worten wie nötig enthalten. Obendrein mussten sie auch einer bestimmten Metrik folgen. Beides war nötig, da man, mangels Druckkunst, aufs Auswendiglernen angewiesen war.

Das heißt, man brauchte und braucht notwendig jemanden, der die Schriften kennt und in der Lage ist, sie zu entschlüsseln. Dieser Jemand muss richtig gut Sanskrit können, die Methode der Entschlüsselung (Mimamsa) kennen, einsetzen und anderen den Inhalt der Verse verständlich machen können. Obendrein muss dieser Jemand das, was er da erklärt, nicht nur theoretisch verstanden, sondern als eigene Wahrheit erkannt haben. Daher die zentrale Bedeutung des Gurus im Hinduismus und somit auch im Vedanta, der/die genau diese Aufgabe zu erfüllen hatte und hat.

Auf diese Weise ist eine komplett dezentrale Religion entstanden – heutzutage Hinduismus genannt – die mit dem, was man im Westen unter einer Religion versteht, wenig gemein hat. Zwar gibt es einiges, was sich durch all die vielen unterschiedlichen Ansätze hindurchzieht, doch wie es möglich ist, dass alle sich auf dieselben Schriften beziehen, wird jedem Außenstehenden rätselhaft sein.

Die vielen Gurus, die es im Laufe der Jahrtausende gegeben hat, haben dafür gesorgt, dass der Inhalt der Veden bis heute bewahrt werden konnte, indem sie den Wortlaut und (diejenigen, die dazu befähigt waren,) auch den Inhalt der Veden gelehrt haben. So ist auch das Vedanta über tausende von Jahren weitergegeben worden. Wenn man bedenkt, dass Indien mehr als neunmal so groß wie Deutschland ist, hat sich die Technik des Auswendiglernens als außerordentlich effektiv erwiesen, denn die Unterschiede im Wortlaut der Schriften sind minimal. 

Die Lehrer aller hinduistischer Lehrtraditionen haben die Veden erläutert – wobei bei den Vedanta-Lehrern der Fokus natürlich auf dem letzten Teil der Veden lag und liegt. Die Kommentare wurden und werden dann von anderen Lehrern kommentiert und so die ihnen zugrundeliegende Wahrheit immer klarer herausdestilliert. Mittlerweile gibt es ein unfassbar umfangreiches auf Veda und Vedanta basierendes Schriftgut. Auch in dieser Hinsicht ist der Lehrer unentbehrlich, denn kein Anfänger kann auch nur ansatzweise erfassen, welches Wissen ihn auf seinem Erkenntnisweg weiterbringen könnte. Obwohl kein Lehrer jemals alle Schriften kennen wird – dazu sind es viel zu viele – hat er  doch den Überblick; und er kennt seine Schüler, so dass er ihnen den Weg weisen kann.

Die Schüler wiederum brauchen nicht nur seine Anleitung, sondern auch seine Gegenwart. Damit ist keine irgendwie mystische Form der Übertragung gemeint. Vielmehr brauchen die Schüler ganz einfach ein lebendes Beispiel für das, was das Vedanta ihnen verspricht. Ohne einen Lehrer, der ihnen dadurch, wie er lebt, lehrt, denkt und sich verhält, zeigt, dass es sich nicht um ein theoretisches Denkgebäude handelt, sondern um etwas, das tatsächlich möglich ist, ohne so einen Lehrer, wird niemand die Kraft haben, der eigenen Sehnsucht zu trauen und ihr treu zu bleiben.

Im Advaita Vedanta ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler essentiell, beide geben ihr Bestes, damit der Schüler durch das Teaching die Erkenntnis der Nicht-Dualität erlangt und gänzlich in ihr ankommt. Und was ist das Beste, was beide geben können? Ganz einfach, der Lehrer lehrt, der Schüler lernt. Ein Lehrer, der nicht in der Lage ist, das Vedanta gemäß der Lehrtradition zu lehren, ist kein Vedanta-Lehrer. Und ein Schüler, der nicht in der Lage ist, das Vedanta zu lernen, ist kein Vedanta-Schüler. Daran ist nichts falsch. Es sind nun einmal wenige, für die das Advaita-Vedanta geeignet ist.

Das ist ja gerade das Schöne am Veda: Es hält für jeden etwas bereit, jeder kann vom Veda profitieren, wenn er sich dem anvertraut, was in ihm etwas zum Klingen bringt: sei es Dualität, Quasi-Dualität oder Nicht-Dualität. Sei es innerhalb des Hinduismus, oder außerhalb.

Diejenigen, bei denen es die Nicht-Dualität ist, sind eingeladen, das traditionelle Advaita-Vedanta zu studieren – nicht als graue Theorie, sondern als lebendige Wahrheit, die das Veda von Anbeginn der Zeit im Angebot hat. Das Angebot steht auch 2020. Wer bereit ist, nimmt es an.

 

 

 

  1. Der Grund meiner Indien-Aufenthalte war nicht Indien, sondern mein Wunsch, möglich oft und lang in Poona zu sein, weil ich hier Osho begegnen, meine damalige spirituelle Orientierung leben und Gleichgesinnte treffen konnte.
  2. Das zyklische Weltbild im Hinduismus impliziert, dass das gesamte Universum schon immer und für immer durch vier manifeste Phasen (Yugas) geht, die von einer unmanifesten Phase (Pralaya) abgelöst werden. Nach dem Pralaya beginnen die vier manifesten Phasen von Neuem und immer so weiter. Alles, inklusive Vedas, war also in der einen oder anderen Form schon immer da. Das ist die oben erwähnte relative Zeitlosigkeit, denn auch das zyklische Weltbild gehört zum religiösen Teil des Hinduismus, nicht zum Advaita Vedanta.
  3. Es gibt nur eine Wirklichkeit, und alles – sowohl Lebewesen, wie Lebloses, wie das göttliche Prinzip – erscheint als bloße Ausdrucksform dieser einen Wirklichkeit. Für sich genommen hat es keine Realität. Ihrer wahren Natur nach sind alle die vielen Ausdrucksformen nichts als diese eine Wirklichkeit selbst.
  4. Wenige im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Tatsächlich waren es dennoch außerordentlich viele, denn das Veda zu kennen und zu rezitieren galt und gilt selbst dann als wertvoll, wenn man noch nicht in der Lage ist, es zu verstehen.