Wir befinden uns in einer Zeit, die den meisten ständige Paradigmenwechsel abverlangt, Umdenken in jeder Hinsicht. Einer dieser Umdenkprozesse betrifft unser Verhältnis zu Krieg und Frieden. Gerade spirituell orientierte Menschen hatten oder haben eine vehemente Ablehnung gegen alles Militärische. Dazu ist jedoch zu bedenken, dass wir in Deutschland in den letzten 40/50 Jahren in Watte gepackt waren und uns eine schöne neue Welt zurechtträumen konnten – in der Kriege als Relikt der Vergangenheit galten.

Derartige Merkwürdigkeiten ereigneten sich nur noch in einigen fernen Gesellschaften, zu denen wir glücklicherweise nicht gehörten. Und selbst den Krieg in der Ferne haben wir lieber zur Konfliktlage erklärt, zum Krisenherd, zu militärischen Auseinandersetzungen, Grenzstreitigkeiten, Spannungen und ähnliches. Krieg durfte es einfach nicht mehr geben, und so haben wir die Augen fest zugedrückt, wenn irgendetwas in diese Richtung wies.

So gab es im Februar 22 ein herbes Erwachen aus unserem Traum vom ewigen Frieden, denn auf einmal konnten wir unsere Verleugnung der Tatsachen nicht mehr aufrechterhalten: Nur weil wir nach zwei Weltkriegen keinerlei Bedarf mehr dafür hatten/haben, bedeutet das leider keineswegs, dass das Thema vom Tisch ist.

Daher suchen viele jetzt nach einer neuen Position, und genau dabei soll dieses Essay Unterstützung bieten. Im letzten Essay war zwar von Frieden die Rede, allerdings ging es dabei um die Abgrenzung von Frieden gegenüber Freiheit, nicht um die Abgrenzung von Frieden gegenüber Krieg. Letztere führt zu ganz anderen Überlegungen.

Vorweg: Wer vergessen hat, was Dharma ist, bitte im Essay „Freiheit und Frieden“ gleich noch mal nachlesen, denn sonst ergibt das Folgende keinen Sinn.

Krieg und Frieden sind Gegensätze, und so erscheint es nur logisch, dass ein Plädoyer für Frieden (wie im letzten Essay), einem Plädoyer gegen Krieg gleichkommt. Vedanta, bzw. die vedische Sichtweise, hat allerdings einen ganz anderen Ansatz, indem es alles am höchsten Wert, dem Dharma, misst 1 :

Frieden ist dann dharmisch,

wenn die Verhältnisse, unter denen er herrscht, dharmisch sind.

Freiheit ist dann dharmisch,

wenn die Verhältnisse, unter denen sie herrscht, dharmisch sind.

Und Krieg? Krieg ist dann dharmisch,

wenn die Verhältnisse nicht dharmisch waren und es zur Wiederherstellung des Dharmas keine friedliche Möglichkeit gegeben hat.

Das heißt, worauf es ankommt, ist das Dharma.

Frieden und Dharma

Wenn alle sich einig sind, dass es okay ist, die Erde auszubeuten, dann entsteht bestenfalls ein Frieden auf Kosten des Dharmas. Einen derartigen Frieden kann man nur bedingt als Frieden bezeichnen. Um beim Beispiel zu bleiben: Zum einen vermindern sich durch die Ausbeutung der Erde stetig die Ressourcen, was einigen auch dann schon Unfrieden beschert, wenn das Gros der Menschen noch friedlich vor sich hinträumt.

Zum zweiten: Wenn sich die Verhältnisse ändern und es aus irgendeinem Grund nicht mehr möglich ist, die Ausbeutung fortzusetzen – was passiert dann? Der sogenannte Friede zerfällt, und Streit bricht aus oder sogar Krieg, z.B. darüber, wer Anspruch auf die letzten Stücke unausgebeuteter Erde hat und wie man all die loswird, die vor der eigenen Haustür stehen, weil sie aufgrund der Ausbeutung keine Lebensgrundlage mehr haben.

Nur ein Frieden, der ganz auf Dharma beruht, ist echter Frieden, da nur ein solcher Frieden auch Bestand hätte. Ich sage „hätte“, weil die menschliche Unvollkommenheit durchgängig dharmische Zustände nicht erlaubt. Wir sprechen hier also von einem Idealzustand. Doch selbst wenn man diesen nicht zu 100% erreichen kann, je mehr man sich ihm nähert, desto besser – für den eigenen Frieden und den der Welt.

Krieg und Dharma

Wie ihr aus dem letzten Essay wisst, gehört zu den dharmischen Werten Gewaltlosigkeit, ahimsa. Keiner wird leugnen, dass Krieg furchtbar destruktiv ist. Und dennoch anerkennt das vedische Denken die Notwendigkeit von Krieg – unter bestimmten Umständen, mit einer bestimmten Zielsetzung und für bestimmte Menschen.

Wenn ich hier vom vedischen Denken spreche, dann ist das die Lebensanschauung und Lebensweise, die sich auf die Veden gründet. Die Veden sind Jahrtausende alt, deshalb ist diese Kultur heute, selbst in Indien, nur noch vereinzelt lebendig. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir sie als irrelevant abtun sollten. Vielmehr eröffnet sie uns wertvolle Perspektiven und ein in sich schlüssiges Gedankenmodell, das wir woanders so nicht finden. Ich plädiere dafür, sich davon inspirieren zu lassen 2 – nicht zuletzt, weil aus dem Boden dieses Gedankenmodells die Blüte des Advaita Vedanta hervorgegangen ist.

Was wäre denn ein dharmischer Krieg? Hier ein paar Grundzüge:

  1. Unter welchen Umständen ist Krieg erlaubt, ja sogar geboten?

Dreierlei:

Zum einen muss ein Land berechtigte Ansprüche auf das Gebiet haben, das es mit Krieg überzieht,

zum zweiten muss auf der Gegenseite eindeutig das adharma herrschen,

zum dritten müssen alle friedlichen Möglichkeiten ausgeschöpft worden sein, um den Zuständen auf der Gegenseite ein Ende zu setzen. Womit wir beim zweiten Punkt sind:

  1. Mit welcher Zielsetzung ist Krieg erlaubt, ja sogar geboten?

Antwort: Eine einzige Zielsetzung – das Dharma auf der Gegenseite wieder herzustellen.

Zur Illustration ein (absurdes) Beispiel: Wenn Dänemark in Schleswig-Holstein einfallen würde, um dort eine Gewaltherrschaft zu errichten, wäre Deutschland in der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Schleswig-Holstein befreit wird – wenn es nicht anders geht, indem Deutschland Dänemark den Krieg erklärt.

  1. Welche Mitglieder der Gesellschaft sollten Krieg führen?

Antwort: Nicht alle und jeder, sondern Menschen, die einerseits im Dharma, andererseits in der Kriegsführung ausgebildet sind. In Friedenszeiten kümmern sie sich um die Aufrechterhaltung dharmischer Zustände, im Krieg um die Wiederherstellung dharmischer Zustände. Sie wurden im Essay „Erfüllung finden“ als dritte gesellschaftliche Gruppe beschrieben.

Diese drei Punkte sind keine vollständige Aufschlüsselung dessen, was die Veden zum Krieg zu sagen haben. Was für uns wichtig ist, ist die Erkenntnis, dass das vedische Denken nicht pazifistisch ist – in dem Sinne, dass es unter allen Umständen kriegerische Gegenwehr ausschließen würde. Nein, allerdings muss sie bestimmten Regeln folgen 3 .

Aufwachen

Die Wahrheitssucher gehören zur vierten gesellschaftlichen Gruppe, sie sind also nicht für die Kriegsführung zuständig. Aber darum geht es hier nicht, zum Glück haben wir ja keinen Krieg zu führen. Vielmehr geht es für die Wahrheitssucher darum, jetzt, in Friedenszeiten, aus dem kollektiven Friedenstraum aufzuwachen und den Tatsachen ins Auge zu blicken: Krieg ist kein Thema von gestern, auch wenn man es gerne so hätte.

Genauso wie es im letzten Essay darum ging, den Traum von unbegrenzter individueller Freiheit zurückzulassen: zu erkennen, dass Sich-zufrieden-geben wichtiger ist als jener Freiheitstraum.

Eine Wahrheitssuche im Traum ist nichts wert, denn du kannst mit ihr bloß eine geträumte Wahrheit finden. Nur wer wach ist, kann sich aufmachen, um die echte Wahrheit, echten Frieden, echte Freiheit zu entdecken.

Dazu kommt: Dich den Tatsachen stellen zu können, versetzt dich in die Lage, deine innere Kraft zu entdecken. Wenn du dich den Tatsachen nicht stellst, bleibst du schwach. Schau dir die westlichen Gesellschaften an und ihre Abhängigkeit von dem, was die meisten Menschen auf der Welt als überflüssigen Luxus bezeichnen würden. Wer ist stark – die mit dem Luxus und der Abhängigkeit oder die, die viele Probleme haben mögen, aber gewohnt sind, sich ihnen zu stellen, ohne auf etwas zu bauen, das jederzeit zerbröseln kann?

Zudem ist die Wahrheitssuche im Friedenstraum eine Art Sahnehäubchen auf all den anderen guten Dingen, die das eigene Leben so angenehm machen. Das untergräbt ihre Dringlichkeit – die sie dann hat, wenn dir klar ist, dass das eigene Leben alle Annehmlichkeiten mit einem Schlag verlieren kann. Denn wenn du bis zu diesem Schlag deine wahre Natur nicht erkannt hast, fehlt dir im Ernstfall die einzige Ressource, die durch absolut gar nichts zu erschüttern ist. Und dass du sie unter widrigen Umständen entdecken wirst, ist sehr viel unwahrscheinlicher als in einer Zeit, in der du immer noch recht ungestört deinen spirituellen Weg gehen kannst.

Wenn du also ein Wahrheitssucher bist, dann wache aus deinem Traum auf und schöpfe deine Möglichkeiten aus, solange du sie hast.

Wahrer Frieden

Wenn der Friedenstraum ausgeträumt ist, man sich auf den Weg gemacht hat, um das wahre Selbst zu erkennen und es erkennt, erst dann entsteht echter Frieden. Dieser Frieden herrscht unabhängig von dem, was das Leben dir beschert. Er ist kein flüchtiger Traum. Dieser Frieden hat Bestand, und wer ihn gefunden hat, weiß es.

 

Fussnoten:

  1. Kleine Erinnerung: Höchster Wert ist Dharma, höchstes Ziel ist Moksha, siehe Essay „Das, was trägt“
  2. Allerdings macht es wenig Sinn, sich auf eigene Faust in dieses Gedankenmodell einarbeiten zu wollen. Dazu ist es zu komplex. Ich will hier nur dazu anregen, eine offene Haltung einzunehmen, auch wenn etwas Jahrtausende alt ist.
  3. In den letzten Jahrzehnten hat man sich auf internationale Regeln für die Kriegsführung geeinigt, die u.a. festlegen, wann ein Krieg geführt werden darf, was im Krieg unter welchen Umständen erlaubt ist und was als Kriegsverbrechen gilt. Wie gut diese Regeln funktionieren, ist eine andere Sache, aber es gibt einige Übereinstimmungen mit dem vedischen Modell, z.B., dass Angriffskriege Kriegsverbrechen sind oder, dass die Zivilgesellschaft nur mittelbar betroffen sein, nie direkt oder gar gezielt angegriffen werden darf. Ich empfehle allen den Podcast „Was tun, Herr General?“, in dem ein General  a.D. der Bundeswehr Stellung zum Krieg in der Ukraine bezieht – meinem Eindruck nach ein durch und durch dharmischer Mensch. Es lohnt sich, seine Kommentare anzuhören, gerade, wenn man allem Militärischen bisher mit Vorbehalten begegnet ist: https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/general/index.html